Überlebenden-Verzerrung
Erfolg ist sichtbar, Scheitern bleibt unsichtbar.
Denn die einen sind im Dunkeln
Und die andern sind im Licht.
Und man siehet die im Lichte
Die im Dunkeln sieht man nicht.
Berthold Brecht, Die Dreigroschenoper, Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens, 1928.
Definition
Die Überlebenden-Verzerrung (Survivorship Bias) beschreibt die Tendenz, aus den Eigenschaften oder Strategien der Erfolgreichen falsche Schlüsse zu ziehen, weil die zahlreichen gescheiterten Fälle unsichtbar bleiben und nicht mitbetrachtet werden.
EN: Survivorship Bias
Verwandschaft
Die Überlebenden-Verzerrung hängt eng mit mehreren anderen Verzerrungen zusammen und wird von ihnen verstärkt:
- Selektionsbias: Verzerrte Stichprobe durch Auswahl nur sichtbarer/erfolgreicher Fälle.
- Publikationsbias: Studien mit positiven Ergebnissen werden eher veröffentlicht als negative oder Null-Ergebnisse.
- Basisratenfehler: Grundwahrscheinlichkeiten werden ignoriert, wenn nur die "Gewinner" betrachtet werden.
- Verfügbarkeitsheuristik: Erfolgsstories sind präsent und einprägsam — Misserfolge verschwinden aus dem Blick.
- Rückschaufehler: Nachträgliche Rationalisierung von Erfolg ("Es war doch klar, dass das klappt").
Beispiele
Die großen Schwimmer
Wir schauen auf Olympiasieger und leiten "Erfolgsrezepte" aus deren Training, Diät oder Körperbau ab. Dabei ignorieren wir tausende ähnlich talentierte Schwimmer, die verletzt wurden, aufgegeben haben oder trotz identischer Routinen nie den Durchbruch schafften. Aus den Überlebenden wird ein falsches Muster konstruiert.
Startuper, die "alles verstanden" haben
Erfolgreiche Gründer erzählen Playbooks in Podcasts und Büchern. Man hört nur die Stimmen der Überlebenden, nicht die der unzähligen Gründer mit derselben Strategie, die gescheitert sind. Das produziert Schein-Kausalität ("X führt zu Erfolg") statt einer nüchternen Betrachtung von Wahrscheinlichkeiten, Marktbedingungen und Zufall.
Auswirkungen
- Überschätzung von "Erfolgsrezepten" und Unterschätzung von Zufall, Kontext und Basisraten
- Schlechte Entscheidungen durch verzerrte Evidenz (Investment, Produkt, Karriere)
- Mythenbildung und falsche Vorbilder; riskante Nachahmung ohne Risikoabschätzung
Gegenstrategien
- Systematisch auch die Nicht-Erfolg-Fälle erfassen (Failure-Datasets, Postmortems)
- Basisraten und vollständige Stichproben betrachten; Selektionsprozess explizit prüfen
- Replikations- und Publikationsbias berücksichtigen; negative/Null-Ergebnisse einbeziehen
- Erfolgsnarrative auf Kausalität vs. Korrelation prüfen (Alternativerklärungen, Confounder)
Quellen
- Wikipedia: Survivorship bias
- Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow — Abschnitte zu Basisraten und Auswahlverzerrungen.
- Taleb, N. N. (2001): Fooled by Randomness — Über Zufall, Erfolg und Fehlinterpretationen.