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Die Grundhaltung des kritischen Denkens

Zitat von Goethe: Demut und Bedächtigkeit sind die notwendigsten Eigenschaften userer Schritte.

Demut und Bedächtigkeit sind die notwendigsten Eigenschaften userer Schritte. (Goethe)

Kritisches Denken beginnt mit einer bestimmten Geisteshaltung, die folgende Elemente umfasst:

1. Intellektuelle Neugier

  • Aktives Interesse an verschiedenen Themen und Perspektiven
  • Bereitschaft, Fragen zu stellen und nach Antworten zu suchen
  • Wunsch, über oberflächliches Wissen hinauszugehen

2. Intellektuelle Demut 1

  • Anerkennung der Grenzen des eigenen Wissens
  • Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu überprüfen und zu revidieren
  • Offenheit für Kritik und Feedback

2 bis. Oder Besonnenheit

Als Alternative zur Demut, kann man die Grundhaltung des kritischen Denkens auch mit der Besonnenheit zusammenfassen.
In der griechischen Philosophie (z. B. bei Aristoteles) galt Sophrosyne (Besonnenheit, griech. σωφροσύνη) als eine mit der Demut verwandte Tugend — eine Balance zwischen Selbstüberschätzung und Unterwürfigkeit.

Beispiele:

  • Ein Athlet, der nach einem Sieg nicht prahlt, aber auch nicht seine Leistung verleugnet.
  • Eine Managerin, die weder risikoscheu noch rücksichtslos handelt, sondern abgewogen entscheidet.
  • Jemand, der im Streit gelassen bleibt und weder ausfällig wird noch sich unterwirft.

3. Intellektuelle Autonomie

  • Unabhängiges Denken und Urteilen
  • Widerstand gegen unkritische Übernahme von Meinungen
  • Verantwortung für die eigenen Überzeugungen und Entscheidungen

4. Intellektuelle Integrität

  • Konsequente Anwendung intellektueller Standards
  • Ehrlichkeit in Bezug auf Widersprüche im eigenen Denken
  • Bereitschaft, unbequeme Wahrheiten anzuerkennen

5. Intellektuelle Ausdauer

  • Beharrlichkeit bei der Lösung komplexer Probleme
  • Geduld im Umgang mit Mehrdeutigkeit und Unsicherheit
  • Bereitschaft, Zeit und Mühe in gründliches Denken zu investieren

Am Anfang ist die Tat — Mut zum Handeln

Bei aller Zurückhaltung, Besonnenheit und moralischer Integrität sollten wir nicht vergessen, worum es am Ende eigentlich geht: das gute Leben.

Das Leben ist draussen auf der Strasse, im Feld, im Wald oder auf dem Wasser, nur selten am Schreibtisch oder vor dem Handy.

Denn die bisher genannten Haltungen haben eine Schattenseite. Wer die Grenzen des eigenen Wissens ernst nimmt, kann darüber das Urteilen verlernen. Aus der Bereitschaft, jede Überzeugung zu prüfen, wird dann ein Dauerzustand des Prüfens; aus der Offenheit für Gegenargumente eine bequeme Unverbindlichkeit. Wer nie Stellung bezieht, kann sich zwar nie irren, hat damit aber nichts gewonnen, sondern die Frage bloss vertagt.

Prüfen ist ein Mittel, kein Zweck. Irgendwann ist das Abwägen zu Ende und es muss entschieden werden: den Beruf wechseln oder bleiben, widersprechen oder schweigen, dieses Medikament nehmen oder jenes. Ein Urteil, das nie in eine Handlung mündet, bleibt folgenlos.

Vollständige Gewissheit gibt es dabei selten. Handeln unter Unsicherheit ist nicht der Ausnahme-, sondern der Normalfall, und die Weigerung zu entscheiden ist selbst eine Entscheidung: meistens für das Bestehende.

Mut meint hier zweierlei. Zum einen, das eigene Urteil der Wirklichkeit auszusetzen: Erst im Handeln zeigt sich, ob wir richtig gedacht haben, und die Welt korrigiert uns gründlicher als jede weitere Überlegung am Schreibtisch. Zum anderen, ein Urteil auch dann auszusprechen, wenn es unbequem wird.

Konkret heisst das:

  • sich zu entscheiden, obwohl nicht alle Fragen geklärt sind
  • eine begründete Meinung zu vertreten, auch gegen die Mehrheit
  • einen Irrtum einzuräumen und den eingeschlagenen Weg zu ändern

Zitat Fontane: Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut.|300

Zwischen Hochmut und Demut steht ein drittes, dem das Leben gehört, und das ist der Mut. (Fontane)

Der Mut ist damit kein Gegensatz zur Demut, sondern ihr Gegengewicht. Erst zusammen ergeben sie eine Haltung, die zu denken und zu handeln wagt. Am Anfang steht dann nicht das Wort, sondern die Tat.2

Footnotes

  1. Das deutsche Wort "Demut" gefällt vielen Kritschen Denkern nicht, da es etwas unterwürfiges hat.
    Es stammt aus dem germanischen Sprachraum (thiomo = "Diener", "Knecht") und war ursprünglich mit der Idee des Dienens verbunden. Im Christentum wurde Demut zu einer zentralen Tugend (lat. humilitas), die im Gegensatz zu Hochmut (superbia) steht. Hier bedeutet sie die Unterordnung unter Gott und die Anerkennung der eigenen Unvollkommenheit.
    Im philosophischen und weltlichen Kontext geht es eher um Selbstreflexion und die Abwesenheit von Arroganz — also um eine Haltung, die Raum für andere lässt.

  2. Die Überschrift spielt auf Goethes Faust an: Bei der Übersetzung des Johannes-Prologs verwirft Faust nacheinander "Wort", "Sinn" und "Kraft", bevor er schreibt: "Im Anfang war die Tat."
    (Johann Wolfgang von Goethe: Faust. Der Tragödie erster Teil, Szene "Studierzimmer", V. 1237)