Wichtige Begriffe rund ums kritische Denken?
Wie reden wir über kritisches Denken?
Im Kontext des kritischen Denkens begegnen uns immer wieder bestimmte Begriffe und Konzepte, die für das Verständnis und die Anwendung dieser Fähigkeit zentral sind. Hier sind einige der wichtigsten Begriffe, die du kennen solltest. Dies hier sind einfache praktische Definitionen
Logik, Argumente und Rhetorik
Das Handwerkszeug: Woraus ein Argument besteht und was es gut macht.
Argument
Eine Behauptung zusammen mit den Gründen, die sie stützen; aus einer oder mehreren Prämissen wird eine Schlussfolgerung abgeleitet.
Behauptung
Sprechakt, mit dem etwas als wahr hingestellt wird; eine Aussage, die man für richtig erklärt und gegebenenfalls begründen muss.
Begründung
Angabe von Gründen oder Belegen, die eine Behauptung stützen und nachvollziehbar machen, warum man sie für wahr halten soll.
Prämissen
Vorausgesetzte Aussagen eines Arguments, aus denen die Schlussfolgerung abgeleitet wird; sie bilden die Grundlage des logischen Schlusses.
Schlussfolgerung
Aussage, die logisch aus den Prämissen abgeleitet wird; das Ergebnis eines Denk- oder Argumentationsschritts.
Deduktion
Schluss vom Allgemeinen aufs Besondere: Sind die Prämissen wahr und ist die Form gültig, ist die Schlussfolgerung zwingend wahr.
Induktion
Schluss vom Einzelnen aufs Allgemeine: Aus Beobachtungen wird eine allgemeine Regel vermutet – wahrscheinlich, aber nicht zwingend wahr.
Gültigkeit und Stichhaltigkeit
Gültig ist ein Schluss, wenn die Konklusion formal aus den Prämissen folgt; stichhaltig (schlüssig), wenn er zudem von wahren Prämissen ausgeht.
Klarheit
Eigenschaft einer Aussage, eindeutig, verständlich und präzise zu sein, sodass keine Mehrdeutigkeit oder Verwirrung über ihren Sinn entsteht.
Richtigkeit
Übereinstimmung einer Aussage mit den Tatsachen oder mit anerkannten Regeln; das Richtigsein im Sinne sachlicher Korrektheit.
Relevanz
Bedeutsamkeit eines Beitrags für die jeweilige Frage; relevant ist, was wirklich zur Klärung des Sachverhalts beiträgt.
Kohärent
Innerlich zusammenhängend und widerspruchsfrei: Aussagen passen sinnvoll zusammen und stützen sich gegenseitig zu einem stimmigen Ganzen.
Konsistent
Frei von Widersprüchen: eine Menge von Aussagen ist konsistent, wenn aus ihr nicht zugleich etwas und dessen Gegenteil folgt.
Urteil (im logischen Sinne)
In der Logik die Feststellung, dass ein Sachverhalt zutrifft oder nicht; sprachlich als Aussagesatz ausgedrückt und wahr oder falsch.
Normativ
Wertend und vorschreibend: normative Aussagen sagen, wie etwas sein soll, im Gegensatz zu deskriptiven, die beschreiben, wie es ist.
Informelle Logik
Teilgebiet der Argumentationstheorie, das Argumente der Alltagssprache analysiert und bewertet, ohne sie in formale Kalküle zu übersetzen.
Hypothese
Begründete, aber noch ungeprüfte Annahme, die als vorläufige Erklärung dient und sich durch Beobachtung oder Experiment bestätigen oder widerlegen lässt.
Theorie
Systematisches, begründetes Gefüge von Aussagen, das Phänomene erklärt, ordnet und Vorhersagen erlaubt; in der Wissenschaft gut geprüftes Wissen.
Ockhams Rasiermesser
Sparsamkeitsprinzip: Von mehreren Erklärungen ist die mit den wenigsten Annahmen vorzuziehen – überflüssige Annahmen sollen „weggeschnitten" werden.
Rhetorik
Kunst der wirkungsvollen Rede und Überzeugung; sie nutzt Sachgründe (Logos), Glaubwürdigkeit (Ethos) und Gefühle (Pathos).
Wahrheit, Wissen und Meinung
Grundbegriffe rund um Wissen, Wahrheit und persönliche Meinung.
Tatsache und Meinung
Eine Tatsache ist nachprüfbar wahr oder falsch; eine Meinung ist eine persönliche Bewertung, die man teilen kann, aber nicht beweisen muss.
Objektivität und Subjektivität
Objektiv ist, was unabhängig von persönlichen Vorlieben gilt; subjektiv ist, was von der Sicht, dem Empfinden oder Interesse einer Person abhängt.
Evidenz
Belege oder Augenscheinlichkeit, die eine Aussage stützen; in der Philosophie das unmittelbar Einleuchtende, zweifelsfrei Gegebene.
Wahrheit
Übereinstimmung einer Aussage mit der Wirklichkeit; je nach Theorie auch Kohärenz im Aussagensystem oder praktische Bewährung.
Glaube
Fürwahrhalten ohne methodische Begründung; das Annehmen einer Aussage, ohne dass zwingende Belege oder Beweise vorliegen.
Denkfehler und Fehlschlüsse
Typische Fehler im Denken und in Argumenten – erst wer sie kennt, kann sie vermeiden.
Kognitive Verzerrung, Denkfehler, Wahrnehmungsfehler
Systematische, unbewusste Abweichungen unseres Denkens und Wahrnehmens vom rationalen Urteil, die zu fehlerhaften Einschätzungen und Entscheidungen führen.
Bestätigungsfehler
Tendenz, Informationen so zu suchen und zu deuten, dass sie die eigene Erwartung bestätigen, und Gegenteiliges zu übersehen oder abzuwerten.
Logischer Fehlschluss
Ein Schluss, dessen Form ungültig ist, sodass die Konklusion nicht zwingend aus den Prämissen folgt – unabhängig vom Inhalt.
Informeller Fehlschluss
Argumentationsfehler, der nicht in der logischen Form, sondern im Inhalt, Kontext oder in der Sprache liegt, etwa durch unzulässige Annahmen.
Strohmann-Argument
Man verzerrt die Position des Gegenübers zu einer leicht angreifbaren Karikatur und widerlegt dann diese statt des echten Arguments.
Ad hominem
Statt des Arguments wird die Person angegriffen; eine Behauptung gilt als falsch, weil angeblich der Vertreter unglaubwürdig ist.
Autoritätsargument
Etwas gilt als wahr, nur weil eine Autorität es sagt – ohne dass deren Kompetenz oder die Belege geprüft werden.
Ad populum
Etwas gilt als wahr, weil viele es glauben; Mehrheit oder Beliebtheit wird mit Richtigkeit verwechselt.
Zirkelschluss
Argument, das seine eigene Schlussfolgerung bereits als Voraussetzung benutzt; die Begründung dreht sich im Kreis und beweist nichts.
Falsches Dilemma
Es werden nur zwei Möglichkeiten dargestellt, obwohl weitere bestehen – Schwarz-Weiß-Denken, das zu einer Scheinentscheidung zwingt.
Korrelation und Kausalität
Dass zwei Dinge gemeinsam auftreten (Korrelation), heißt nicht, dass eines das andere verursacht (Kausalität) – ein häufiger Trugschluss.
Lügen, Bullshit und Desinformation
Formen von Täuschung und Beeinflussung, gegen die kritisches Denken schützen soll.
Werbung
Bezahlte, öffentliche Kommunikation, die Produkte, Dienstleistungen oder Ideen bekannt macht und gezielt zum Kauf oder zu bestimmtem Verhalten bewegen will.
Propaganda
Gezielte, meist einseitige Verbreitung von Ideen, um Meinungen und Verhalten vieler Menschen im Sinne politischer, religiöser oder wirtschaftlicher Interessen zu beeinflussen.
Agit-Prop
Kurzform für „Agitation und Propaganda": kämpferische politische Beeinflussung, die durch Kunst, Theater und Medien Massen mobilisieren und für eine Sache gewinnen soll.
Indoctrination
Einseitige Vermittlung von Überzeugungen, die kritisches Hinterfragen unterbindet und Lernende dazu bringt, Lehrmeinungen unreflektiert als unumstößliche Wahrheit zu übernehmen.
Lüge
Aussage, die der Sprecher selbst für falsch hält und mit Täuschungsabsicht äußert, um andere zu einem falschen Glauben zu verleiten.
Halbwahrheit
Aussage, die zwar Wahres enthält, aber durch Weglassen wichtiger Tatsachen einen falschen oder irreführenden Gesamteindruck erzeugt.
Bullshit
Aussagen, bei denen es dem Sprecher gleichgültig ist, ob sie wahr sind; es zählt nur die Wirkung, nicht die Wahrheit (nach Harry Frankfurt).
Fake-News
Bewusst falsche oder irreführende Nachrichten, die wie seriöser Journalismus aussehen und absichtlich verbreitet werden, um zu täuschen oder zu manipulieren.
Desinformation
Gezielt verbreitete falsche oder irreführende Informationen, die absichtlich täuschen sollen – im Unterschied zur unabsichtlichen Fehlinformation (Misinformation).
Manipulation
Verdeckte, gezielte Beeinflussung von Wahrnehmung, Denken oder Verhalten, sodass Betroffene gegen ihr eigentliches Interesse handeln, ohne es zu merken.
Framing
Die Art, wie eine Information gerahmt und betont wird; je nach Darstellung desselben Sachverhalts entstehen unterschiedliche Eindrücke und Urteile.
Rosinenpickerei
Cherry Picking: nur die passenden Belege auswählen und alle widersprechenden weglassen, um eine These einseitig zu stützen.
Scheintheorien
Gedankengebäude, die sich als Theorien ausgeben, aber nicht überprüfbar sind und keine echten Erklärungen oder Vorhersagen liefern.
Pseudowissenschaften
Lehren, die sich wissenschaftlich geben, aber zentrale Standards wie Überprüfbarkeit, Falsifizierbarkeit und Selbstkorrektur nicht erfüllen.
Komplotismus
Denkweise, die hinter Ereignissen systematisch geheime Verschwörungen mächtiger Gruppen vermutet und widersprechende Belege als Teil der Vertuschung deutet.
Filterblase und Echokammer
Online-Effekt, bei dem Algorithmen und gleichgesinnte Gruppen vor allem bestätigende Inhalte zeigen, sodass abweichende Sichtweisen kaum noch durchdringen.
Prozess und Praxis
Haltungen und Methoden, die gutes Denken in die Praxis bringen.
Sapere aude
Lateinisch „Wage es, weise zu sein!" – Kants Wahlspruch der Aufklärung: Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.
Reflexion
Prüfendes, vergleichendes Nachdenken über die eigenen Gedanken, Annahmen und Urteile; das bewusste Innehalten und Hinterfragen des eigenen Denkens.
Skepsis
Methodischer Zweifel: die Haltung, Behauptungen nicht ungeprüft zu glauben, sondern Belege und Begründungen kritisch zu prüfen.
Zetetik
Kunst des methodischen Zweifelns: ein wissenschaftlich-skeptischer Ansatz, der außergewöhnliche Behauptungen und Pseudowissenschaften mit den Mitteln rationaler Prüfung untersucht.
Quellenkritik
Systematische Prüfung, woher eine Information stammt, wie zuverlässig, aktuell und unabhängig die Quelle ist und welches Interesse dahintersteht.
Hermeneutik
Lehre vom Verstehen und Auslegen von Texten und Sinn; sie fragt, wie wir Bedeutung methodisch und kontextbezogen erschließen.
Heuristik
Faustregel oder vereinfachtes Verfahren, das mit begrenztem Wissen schnell zu brauchbaren Lösungen führt – nützlich, aber fehleranfällig.
Falsifizierbarkeit
Nach Popper das Kennzeichen wissenschaftlicher Aussagen: Sie müssen sich grundsätzlich durch Beobachtung widerlegen lassen, sonst sind sie nicht wissenschaftlich.
Absicht
Mentaler Zustand, in dem sich jemand auf eine bestimmte Handlung oder ein Ziel festlegt; das bewusste Wollen hinter einem Tun.
Intellektuelle Tugenden
Innere Haltungen, die kritisches Denken erst möglich machen.
Intellektuelle Demut
Das Bewusstsein, dass das eigene Wissen begrenzt ist und man sich irren kann; die Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu revidieren.
Offenheit und Unvoreingenommenheit
Bereitschaft, andere Sichtweisen und neue Argumente ernsthaft zu prüfen, statt vorschnell zu urteilen oder unbeirrt am Gewohnten festzuhalten.
Neugier
Verlangen, Neues zu erfahren und zu verstehen; der innere Antrieb, Fragen zu stellen und den Dingen auf den Grund zu gehen.
Perspektivenwechsel
Die Fähigkeit, einen Sachverhalt aus der Sicht anderer zu betrachten und sich in deren Annahmen und Interessen hineinzuversetzen.
Dogmatismus
Starres Festhalten an Lehrsätzen, die als unumstößlich gelten und nicht hinterfragt werden dürfen – das Gegenteil kritischer Offenheit.
Quellen
- Kritisches Denken, Wikipedia
- Critical Thinking, Stanford Encyclopedia of Philosophy
- Peter A. Facione: Critical Thinking: A Statement of Expert Consensus for Purposes of Educational Assessment and Instruction., Santa Clara University 1990.
- Peter A. Facione: Critical Thinking: What It Is and Why It Counts, 2015