Clever suchen und recherchieren
Quellenkritik beginnt nicht erst beim Bewerten, sondern beim Suchen. Wer schlecht sucht, bekommt schlechte Quellen vorgesetzt. Ein paar Gewohnheiten machen den Unterschied.
Besser suchen
- Präzise Begriffe wählen. Statt „ist Kaffee schädlich“ lieber „Kaffee Herzgesundheit Studie Übersichtsarbeit“. Fachbegriffe führen zu Fachquellen.
- Mehrere Suchbegriffe und Synonyme ausprobieren, auch auf Englisch, denn die größten Wissensbestände sind englischsprachig.
- Operatoren nutzen: Anführungszeichen für exakte Wendungen (
"künstliche Verknappung"),site:für eine bestimmte Seite (site:bundestag.de), Minus zum Ausschließen (Jaguar -auto). - Click Restraint anwenden: erst die Trefferliste lesen, dann gezielt klicken (siehe SIFT-Seite).
- Über den ersten Tab hinaus. Die wenigsten guten Recherchen enden auf Seite eins der Ergebnisse.
Suchmaschinen zeigen nicht „die Wahrheit“, sondern was zu Suchbegriffen, Verhalten und Werbeumfeld passt. Wer suggestive Begriffe eingibt („Beweise dass X gefährlich ist“), bekommt prompt Bestätigung: das ist die Bestätigungsneigung als Suchanfrage.
Quellenarten unterscheiden
Nicht jede Quelle taugt für jeden Zweck.
Haben Sie die letzte GIEC Studie gelesen? Nein? Na, vielleicht die Zusammenfassung, oder einen Bericht über die Zusammenfassung, oder eben doch nur ein Video Ihres Lieblings-Hobby-Reporters auf einer Kursvideo-Plattform (Youtube, Instagram, TikTok ...)?
Nicht schlimm! Aber ab und zu mal ein Original anschauen ist auch nicht schlecht.
Grob kann man unterscheiden:
- Primärquellen: das Original, also die Studie selbst, das Gesetz im Wortlaut, das ungeschnittene Video, die Statistik des Amtes. Am verlässlichsten, aber oft anspruchsvoll.
- Sekundärquellen: die Einordnung, also Fachartikel, Qualitätsjournalismus, Lehrbücher, die Primärquellen zusammenfassen und deuten.
- Tertiärquellen: die Übersicht, also Lexika, Enzyklopädien, Nachschlagewerke. Gut zum Einstieg, nicht als Endpunkt.
Faustregel: Je wichtiger die Sache, desto näher ans Original. Eine Schlagzeile über „eine neue Studie“ ist eine Einladung, die Studie selbst zu suchen.
Wikipedia richtig nutzen
Wikipedia ist die meistgenutzte Wissensquelle der Welt, und das ist in Ordnung, solange man sie richtig einsetzt: als Startpunkt, nicht als Endpunkt.
Was Wikipedia gut macht:
- Belegpflicht. Die deutsche Wikipedia verlangt: „Artikel sollen nur überprüfbare Informationen aus zuverlässigen Veröffentlichungen enthalten.“ Die Beweislast liegt bei dem, der etwas in den Artikel schreiben will (WP:Belege).
- Einzelnachweise. Die Fußnoten am Artikelende sind ein Sprungbrett zu den Originalquellen.
- Versionsgeschichte. Jede Änderung ist nachvollziehbar: wer hat wann was geändert?
- Diskussionsseite. Umstrittenes wird hier ausgehandelt, ein guter Indikator für Kontroversen.
Womit man vorsichtig sein muss:
- Gesichtete Versionen bedeuten nur, dass jemand auf offensichtlichen Vandalismus geprüft hat, nicht, dass der Inhalt sachlich richtig ist (WP:Gesichtete Versionen).
- Bei umstrittenen oder tagesaktuellen Themen kann ein Artikel kurzzeitig einseitig oder fehlerhaft sein.
- Wikipedia selbst zitiert man nicht in wissenschaftlichen Arbeiten; man folgt den Belegen bis zur Primärquelle.
Wie zuverlässig ist Wikipedia? Eine vielzitierte Untersuchung der Zeitschrift Nature (2005) verglich 42 naturwissenschaftliche Artikel von Wikipedia und der Encyclopaedia Britannica. Ergebnis: Wikipedia hatte etwas mehr Fehler (rund 4 gegenüber 3 pro Artikel), kam der etablierten Enzyklopädie aber überraschend nahe (Reliability of Wikipedia). Die Studie ist alt und betrifft nur Naturwissenschaften, sie zeigt aber: Wikipedia ist ein guter Einstieg, ersetzt aber nicht den Blick in die Originalquellen.
Wikipedia ist ein hervorragendes Sprungbrett: Überblick holen, dann den Fußnoten zu den Primärquellen folgen.
Ein nützlicher Nebeneffekt: Den Wikipedia-Eintrag einer anderen Quelle aufzuschlagen, ist selbst eine Form des lateralen Lesens: so erfährt man schnell, wer hinter einer Zeitung, einem Verein oder einem Institut steckt.