Die SIFT-Methode
Wenn Sie aus diesem Kapitel nur eine Sache mitnehmen, dann diese: die SIFT-Methode. Sie wurde vom amerikanischen Medienpädagogen Mike Caulfield entwickelt und besteht aus vier Handgriffen („four moves“), die man sich leicht merkt. Das Beste: Eine SIFT-Prüfung dauert oft nur Sekunden bis zu einer Minute.
Die vier Moves im Original: Stop. Investigate the source. Find better coverage. Trace claims, quotes, and media back to the original context.
— Mike Caulfield, SIFT (The Four Moves) (hapgood.us)
S: Stop (Innehalten)
Bevor Sie lesen, glauben oder teilen: kurz anhalten. Zwei Fragen genügen:
- Kenne ich diese Quelle und ihren Ruf überhaupt?
- Was will ich eigentlich wissen?
Stopp heißt auch: nicht im Reflex teilen. Wenn ein Beitrag Sie stark aufwühlt, ist das gerade das Signal zum Innehalten, nicht zum Klicken.
I: Investigate the source (Die Quelle untersuchen)
Finden Sie heraus, wer hinter der Information steckt, bevor Sie den Inhalt verinnerlichen. Sie müssen keine Doktorarbeit schreiben: es reicht zu wissen, ob die Quelle ein seriöses Fachmedium, ein Lobbyverband, ein Satireportal oder ein anonymer Blog ist.
Der Trick dazu heißt laterales Lesen.
F: Find better coverage (Bessere Berichterstattung suchen)
Oft interessiert uns gar nicht die konkrete Seite, sondern ob die Behauptung stimmt. Dann gilt: die Ausgangsquelle ruhig beiseitelegen und schauen, was andere, vertrauenswürdige Quellen zum Thema sagen. Berichten mehrere unabhängige, seriöse Quellen dasselbe? Oder findet sich die Behauptung nur in einer einzigen, zweifelhaften Ecke des Internets?
T: Trace (Zum Original zurückverfolgen)
Behauptungen, Zitate, Bilder und Videos sind im Netz oft aus dem Zusammenhang gerissen. Verfolgen Sie sie zurück zur Originalquelle: Wurde das Zitat wirklich so gesagt? Stammt das Foto wirklich von diesem Ereignis? Steht die Studie wirklich für das, was jemand aus ihr macht?
Stopp · I Quelle untersuchen · F bessere Belege finden · T zum Original zurückverfolgen. Vier Handgriffe, eine Minute.
Die Schlüsseltechnik: laterales Lesen
Beim lateralen Lesen („seitwärts lesen“) beurteilt man eine Seite nicht, indem man auf ihr bleibt und liest, was sie über sich selbst sagt. Stattdessen verlässt man sie, öffnet einen neuen Tab und sieht nach, was andere über sie schreiben.
Das klingt banal, ist aber der entscheidende Unterschied zwischen Profis und Laien. Die Stanford History Education Group (Wineburg & McGrew) ließ Historiker, Studierende und professionelle Faktenprüfer Webseiten beurteilen. Das Ergebnis:
- Historiker und Studierende lasen vertikal, d.h. sie blieben auf der Seite und fielen auf „leicht manipulierbare Merkmale wie offiziell wirkende Logos und Domainnamen“ herein.
- Die Faktenprüfer lasen lateral, d.h. sie verließen die Seite nach einem kurzen Blick und kamen „zu fundierteren Schlüssen in einem Bruchteil der Zeit“.
Quelle: Wineburg & McGrew, Lateral Reading and the Nature of Expertise, Teachers College Record 2019 (Link).
Sie stoßen auf die Seite „Institut für Klima-Wahrheit e.V.“ mit seriösem Logo. Vertikal: Sie lesen das schöne „Über uns“ und sind beeindruckt. Lateral: Sie öffnen einen Tab, suchen den Namen + „Kritik“ oder „Finanzierung“ und lesen den Wikipedia-Eintrag, und erfahren, dass der Verein von der Fossilenergie-Branche finanziert wird. Erst jetzt können Sie die Inhalte einordnen.
Bonus: Click Restraint
Eine kleine, mächtige Gewohnheit der Profis: Click Restraint („Klick-Zurückhaltung“). Nicht reflexhaft auf das erste Suchergebnis klicken, sondern die Trefferliste erst überfliegen: Titel, Domains, Beschreibungen; und dann gezielt die vertrauenswürdigste Quelle ansteuern. Das erste Ergebnis ist nicht das beste, sondern nur das am besten optimierte.
Warum nicht einfach eine Checkliste?
Es gibt klassische Prüf-Checklisten wie den CRAAP-Test (siehe nächste Seite). Caulfield kritisiert daran: Wer eine Seite nur „von innen“ abarbeitet, schaut genau auf die Merkmale, die sich am leichtesten fälschen lassen. SIFT dreht den Spieß um und sagt: raus aus der Seite, rein in den Kontext. Beides hat seinen Platz; SIFT ist der schnellere erste Reflex.