Quellen bewerten: die Kriterien
Wenn die schnelle SIFT-Prüfung nicht reicht, etwa bei einer Quelle, die Sie für eine wichtige Entscheidung, eine Hausarbeit oder einen Artikel brauchen, dann lohnt der genauere Blick. Sechs Kriterien helfen dabei.
Die sechs Kernfragen
1. Autorenschaft: Wer sagt das?
Gibt es einen namentlich genannten Autor oder eine verantwortliche Organisation? Gibt es ein Impressum? Eine seriöse Quelle versteckt sich nicht. Anonymität ist kein Beweis für Unwahrheit, aber ein Grund für Vorsicht.
2. Expertise: Versteht die Person etwas davon?
Hat der Autor auf diesem Gebiet eine nachweisbare Qualifikation oder Erfahrung? Achtung vor dem Transfer-Trugschluss: Ein berühmter Physiker ist deshalb noch kein Fachmann für Ernährung. (Siehe auch den Autoritätsfehlschluss im Kapitel über Fehlschlüsse.)
3. Reputation: Was ist der Ruf der Quelle?
Wird die Quelle von anderen seriösen Stellen zitiert und ernst genommen? Hat sie ein redaktionelles Verfahren, Korrekturen, eine Fehlerkultur? Den Ruf prüft man am besten lateral, also über andere Quellen, nicht über die Selbstdarstellung.
4. Aktualität: Ist der Stand noch gültig?
Wann wurde der Inhalt veröffentlicht oder zuletzt aktualisiert? Bei schnelllebigen Themen (Technik, Medizin, Statistik) altern Informationen rasch. Bei zeitlosen Themen ist ein altes Datum dagegen kein Mangel.
5. Unabhängigkeit: Wer profitiert?
Wer finanziert die Quelle? Verfolgt sie ein wirtschaftliches, politisches oder ideologisches Eigeninteresse? Werbung, Sponsoring und Interessenkonflikte müssen nicht automatisch täuschen, aber sie müssen transparent sein. Fehlende Transparenz ist ein Warnzeichen.
6. Beleglage: Womit wird das gestützt?
Sind Behauptungen mit nachprüfbaren Quellen belegt? Führen die Belege zu seriösen Primärquellen, oder im Kreis zurück auf den Autor selbst? Eine starke Behauptung ohne Beleg ist nur eine Meinung mit lauter Stimme.
Behauptung ist nicht gleich Beleg. Die Beweislast liegt bei dem, der etwas behauptet, nicht bei dem, der zweifelt.
Die Nutzenfrage: Cui bono?
Eine einzige Frage bündelt vieles davon: Wem nützt diese Information? (Cui bono = wem zum Vorteil?)
Wer will, dass ich das glaube, und was hat er davon, wenn ich es tue?
Es ist dieselbe Frage, mit der im Krimi der Kommissar dem Täter auf die Spur kommt: Wem nützt die Tat? Wer ein Motiv hat, rückt in den Kreis der Verdächtigen. Bei einer Information ist es nicht anders. Das macht niemanden automatisch schuldig: Auch wer profitiert, kann recht haben. Aber ein erkennbares Eigeninteresse ist ein Grund, genauer hinzuschauen.
Diese Frage entlarvt Werbung im Nachrichtengewand, interessengeleitete „Studien“ und politische Stimmungsmache. Sie ersetzt keine Prüfung, aber sie ist ein guter Anfang.
Zwei bekannte Merkhilfen
CRAAP-Test
Aus der Bibliothekswelt stammt der CRAAP-Test (entwickelt 2004 von Sarah Blakeslee, CSU Chico). Das Akronym fasst fünf der obigen Kriterien zusammen:
- Currency: Aktualität
- Relevance: Relevanz fürs eigene Thema
- Authority: Autorenschaft/Autorität
- Accuracy: Genauigkeit/Beleglage
- Purpose: Zweck/Absicht
Quelle: Meriam Library, CSU Chico (CRAAP-Test).
CRAAP ist gründlich, hat aber eine Schwäche: Man arbeitet die Quelle „von innen“ ab und prüft genau die Merkmale, die sich leicht fälschen lassen. Deshalb: erst SIFT (von außen prüfen), dann bei Bedarf CRAAP (im Detail bewerten).
PICK: die Quelle zur Aufgabe wählen
Wenn die Glaubwürdigkeit geklärt ist, hilft PICK bei der Frage, ob die Quelle für Ihren Zweck die richtige ist:
- Purpose: Welche Art Quelle ist das, und passt das Genre zu meiner Frage?
- Information: Ist der Inhalt relevant und nützlich für mich?
- Creation date: Ist sie aktuell genug?
- Knowledge-building: Bringt sie meinen Wissensaufbau wirklich weiter?
Quelle: SBCC Library, SIFT & PICK (libguides.sbcc.edu).
SIFT klärt: Kann ich der Quelle trauen? PICK klärt: Ist sie die richtige für meine Aufgabe?
Mini-Checkliste zum Mitnehmen
- Autor/Herkunft bekannt? Impressum vorhanden?
- Expertise auf diesem Gebiet nachweisbar?
- Ruf der Quelle (lateral) geprüft?
- Datum aktuell genug fürs Thema?
- Finanzierung/Interessen transparent?
- Belege vorhanden und bis zur Primärquelle verfolgbar?
- Cui bono: wem nützt das?