Gewalt und Zwang
Gerechtigkeit ohne Macht ist ohnmächtig; Macht ohne Gerechtigkeit ist tyrannisch. Blaise Pascal, Pensées
Im Kapitel über die Macht stand am Ende eine Unterscheidung, die hier zum Ausgangspunkt wird: Macht entsteht im gemeinsamen Handeln, Gewalt tritt dort auf, wo Macht zerfällt. Doch das deutsche Wort Gewalt ist von einer Doppeldeutigkeit, die kein anderer Begriff so trägt. Es meint die rohe Faust ebenso wie die geordnete Staatsgewalt, die Zerstörung ebenso wie das geregelte Walten. Ein emanzipatorisch, kritischer Blick muss diese Zweideutigkeit aushalten und befragen: Wann ist Gewalt legitime Ordnung, und wann nur Zwang im Gewand des Rechts?
Gewalt und walten
Das Wort verrät seine Herkunft. Gewalt kommt von walten, also herrschen, verfügen, etwas in der Hand haben. Ursprünglich bezeichnete es die Befugnis, zu gebieten, nicht den Schlag. Diese Wurzel klingt bis heute nach: in der „elterlichen Gewalt", in der „Staatsgewalt", in der „Gewaltenteilung". In keinem dieser Ausdrücke steckt notwendig ein Schlag, sondern eine geordnete Verfügungsmacht.
Genau hier liegt eine sprachliche Falle, die kritisches Denken offenlegen sollte. Weil dasselbe Wort beides benennt, das Walten und das Zuschlagen, kann das eine sich hinter dem anderen verbergen. Wer „Gewalt" sagt, kann legitime Autorität meinen oder nackte Brutalität. Herrschaft profitiert von dieser Unschärfe, denn sie lässt rohe Durchsetzung als bloße Ausübung von Ordnung erscheinen.
Gewalt und Zwang
Davon zu unterscheiden ist der Zwang. Gewalt ist die offene, meist körperliche Einwirkung, die einen Willen bricht. Zwang ist umfassender und oft leiser: Er lässt eine formale Wahl, verengt sie aber so, dass im Grunde keine bleibt. Wer unter Drohung „freiwillig" unterschreibt, wird gezwungen, ohne geschlagen zu werden. Die meisten Verhältnisse von Über- und Unterordnung beruhen nicht auf täglicher Gewalt, sondern auf einem Zwang, der die Gewalt nur als Möglichkeit im Hintergrund hält.
Die Vergewaltigung ist der Punkt, an dem beides in seiner grausamsten Form zusammenfällt: Gewalt gegen den Körper und die vollständige Missachtung des Willens des anderen. Sie ist das Gegenteil jeder Anerkennung, weil sie den anderen zum bloßen Mittel macht. Dass dieselbe Wortwurzel im harmlosen „walten" steckt, sollte nicht beruhigen, sondern wachsam machen: Jede Verfügung über andere trägt die Möglichkeit ihrer Pervertierung in sich.
Staatsgewalt und Gewaltenteilung
Moderne Gesellschaften haben die Gewalt nicht abgeschafft, sondern konzentriert. Max Weber definierte den Staat als jene Instanz, die das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich beansprucht.1 Der Sinn ist emanzipatorisch: Wo nicht jeder gegen jeden Faustrecht übt, sondern eine geregelte Instanz wacht, sind die Schwachen besser geschützt als im Naturzustand. Der Verzicht des Einzelnen auf Gewalt ist der Preis für Sicherheit.
Doch dieses Monopol ist gefährlich, sobald es niemandem mehr Rechenschaft schuldet. Walter Benjamin hat gezeigt, wie eng Recht und Gewalt verflochten sind: Es gibt eine Gewalt, die Recht setzt, und eine, die es erhält.2 Damit der Staat nicht selbst zum Gewalttäter wird, antwortet die liberale Tradition mit Gewaltenteilung: Die staatliche Gewalt wird in Gesetzgebung (legislativa, Legislative), Verwaltung (executiva, Exekutive) und Rechtsprechung (iudicativa, Judikative) zerlegt, damit keine sich verselbständigt. Legitim bleibt die Staatsgewalt nur, solange sie sich vor den Beherrschten rechtfertigen muss und durch Recht gebunden ist. Sonst kippt das geordnete Walten zurück in den bloßen Zwang. (Schauen Sie sich beliebige autoritäre Staaten an, von Nazi-Deutschland bis Putin-Russland.)
Naturgewalten und Naturzwänge
Schließlich kennen wir Gewalt auch dort, wo niemand handelt: in den Naturgewalten, im Sturm, im Beben, in der Flut. Hier fehlt der Wille, gegen den sich Empörung richten ließe; man kann der Natur nichts vorwerfen. Das ist mehr als eine Wortgleichheit. Es erinnert daran, dass Menschen seit jeher auch unter Naturzwängen stehen, unter Hunger, Krankheit, Endlichkeit, die kein Gericht aufheben kann.
Doch der kritische Blick endet nicht in stoischer Demut. Vieles, was lange als Naturgewalt galt, erweist sich als gemacht: Eine Überschwemmung ist Schicksal, ihre verheerende Wirkung auf die Ärmsten ist Politik. Der Trick der Herrschaft besteht oft darin, gesellschaftlichen Zwang als Naturzwang auszugeben, um ihn der Veränderung zu entziehen. Emanzipatorisch ist deshalb die Frage, die das ganze Kapitel durchzieht: Welche Gewalt müssen wir hinnehmen, weil sie wirklich Natur ist, und welche nennen wir nur so, weil es bequemer ist, sie nicht zu ändern.