Sein Lassen
Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. Gelassenheitsgebet, zugeschrieben Reinhold Niebuhr (um 1932)
Das Sein-Lassen klingt zunächst harmlos, fast passiv. Doch es ist eine der schwierigsten Haltungen überhaupt, weil es zwei sehr verschiedene Dinge meinen kann: die kluge Hinnahme dessen, was sich nicht ändern lässt, und die Anerkennung des Anderen in seiner Andersartigkeit. Ein emanzipatorischer und zugleich kritischer Blick nimmt beide Bedeutungen ernst und fragt zugleich: Wo wird aus Gelassenheit Resignation, und wo aus Toleranz bloße Gleichgültigkeit?
Andere sein lassen, wie sie sind
In seiner anspruchsvollsten Form heißt Sein-Lassen: das Andere, das Fremde, das Ungewohnte sehen, aushalten und verstehen, ohne sofort zu urteilen. Das ist alles andere als Passivität. Es verlangt, den eigenen Maßstab für einen Augenblick zurückzuhalten und nicht alles, was anders ist, an mir selbst zu messen.
Wer einen anderen wirklich sein lässt, gesteht ihm zu, dass sein Leben, seine Sprache, seine Form zu existieren nicht der Rechtfertigung vor meinem Vokabular bedürfen. Richard Rorty hat dafür die Figur der liberalen Ironikerin geprägt: Sie weiß um die Kontingenz der eigenen Überzeugungen und beansprucht deshalb nicht, das letzte Wort über die Lebensform der anderen zu haben.1 Sein-Lassen ist hier kein Desinteresse, sondern die Selbstbescheidung dessen, der weiß, dass er auch anders geworden sein könnte.
Noch grundsätzlicher fragt Judith Butler, wie viel ich vom Anderen überhaupt wissen kann. Da kein Mensch sich selbst restlos durchsichtig ist, bleibt jeder dem anderen in einem Rest undurchschaubar.2 Wer das anerkennt, verzichtet auf den Anspruch, den anderen vollständig zu erfassen und ihn auf ein fertiges Urteil festzulegen. Sein-Lassen wäre dann die ethische Konsequenz aus der eigenen Unwissenheit: dem anderen Raum zu lassen, sich anders zu zeigen, als ich ihn erwartet habe.
Hinnehmen oder verändern?
Sein-Lassen scheint das Gegenteil von Verändern-Wollen zu sein. Genau diese Spannung benennt das Gelassenheitsgebet, dessen Grundgedanke weit älter ist als seine christliche Fassung. Schon die Stoa, besonders Epiktet, unterschied scharf zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht. Wer beides verwechselt, leidet doppelt: Er kämpft gegen Unabänderliches und versäumt das Veränderbare.3
Diese Unterscheidung ist befreiend und gefährlich zugleich. Befreiend, weil sie von der Last erlöst, für alles verantwortlich sein zu müssen. Gefährlich, weil die Grenze zwischen dem Unabänderlichen und dem Änderbaren selten naturgegeben, sondern oft politisch ist. Was die einen als unverrückbares Schicksal hinnehmen sollen, ist für die anderen ein bequemer Vorwand, bestehende Verhältnisse nicht anzutasten. Armut, Ungleichheit, eingespielte Rollen erscheinen lange als Natur, bis jemand sie als gemacht und damit als veränderbar erkennt. Hier zeigt sich, dass die stoische Frage „Steht es in meiner Macht?" nie unschuldig ist: Sie kann zur Weisheit führen oder zur eingeübten Ohnmacht.
Die Grenze des Sein-Lassens
Damit stellt sich die kritische Frage nach den Grenzen. Nicht alles verdient, sein gelassen zu werden. Eine Lebensform kann erstarrt, eine Praxis kann unterdrückend sein. Rahel Jaeggi hat gezeigt, dass Lebensformen nicht jenseits der Kritik stehen, nur weil sie gewachsen sind. Sie lassen sich daran prüfen, ob sie die Probleme lösen, um derentwillen sie da sind, oder ob sie Leiden bloß verwalten.4 Sein-Lassen darf deshalb keine Immunisierung gegen Kritik sein.
Ein brauchbares Maß liefert Rainer Forst mit dem Recht auf Rechtfertigung. Toleranz, also das Sein-Lassen des Anderen, findet ihre Grenze dort, wo eine Praxis sich gegenüber den Betroffenen nicht mehr rechtfertigen lässt, wo also jemand im Namen der Tradition oder der Differenz beherrscht und mundtot gemacht wird.5 Den Schläger sein zu lassen, hieße, das Opfer im Stich zu lassen. Echte Toleranz duldet das Fremde, nicht die Herrschaft.
So entpuppt sich Sein-Lassen als eine anspruchsvolle Praxis der Unterscheidung. Es ist weder gleichgültiges Wegsehen noch resignierte Hinnahme, sondern die schwer zu erlernende Kunst, dem Anderen seinen Eigensinn zu lassen und zugleich das Veränderbare nicht für Schicksal zu halten. Emanzipatorisch ist es dort, wo es Vielfalt vor dem Zugriff der Vereinheitlichung schützt; kritisch bleibt es, solange es fragt, ob das, was wir gelassen hinnehmen, nicht doch in unserer Macht stünde, es zu ändern.