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Gleichheit

Alle Tiere sind gleich. Aber manche sind gleicher als die anderen. George Orwell

Orwells Spottsatz trifft einen wunden Punkt: Kaum ein Wort wird so feierlich beschworen und zugleich so routiniert verraten wie die Gleichheit. Ein kritischer Blick nimmt das Versprechen ernst und misstraut zugleich seinem ideologischen Gebrauch. Gleichheit ist kein harmloser Wert, über den sich leicht Einigkeit erzielen lässt, sondern ein umkämpfter Begriff, der je nach Interesse ausgelegt wird.

Rechtsgleichheit

Am sichtbarsten ist die Rechtsgleichheit: Vor dem Gesetz sollen alle gleich sein, ohne Ansehen von Herkunft, Geschlecht oder Vermögen. Das ist eine historische Errungenschaft und doch nur die Oberfläche. Schon Anatole France spottete, das Gesetz verbiete in seiner erhabenen Gleichheit Reichen wie Armen, unter Brücken zu schlafen. Formale Gleichheit kann reale Ungleichheit zudecken, wenn die Lebenslagen, auf die sie angewandt wird, zutiefst verschieden sind. Mit Rainer Forst lässt sich sagen: Rechtsgleichheit ist nur ein Ausdruck eines tieferen Anspruchs, nämlich dass niemand Normen unterworfen werden darf, für die ihm keine guten Gründe genannt werden können.

Chancengleichheit

Die Chancengleichheit verspricht, dass nicht die Geburt, sondern Leistung über den Lebensweg entscheidet. Doch der Wettlauf ist nur fair, wenn alle an derselben Linie starten, und genau das ist selten der Fall. Wer die ungleichen Startbedingungen ignoriert, verwandelt das Versprechen in eine Rechtfertigung: Der Erfolg der einen und das Scheitern der anderen erscheinen dann als verdient. Die Rede von der Chance kann so zur ideologischen Verschleierung struktureller Benachteiligung werden. Kritisches Denken fragt deshalb stets, wer die Bedingungen definiert, unter denen Chancen verteilt werden.

Welchen Wert hat Gleichheit, und wie lässt sie sich begründen

Warum aber sollten Menschen überhaupt als Gleiche gelten?
Hier streiten sich die philosophischen Geister. Der Pragmatiker Richard Rorty rät davon ab, die Gleichheit auf ein metaphysisches Wesen des Menschen zu gründen, das wir angeblich nur entdecken müssten. Es gibt keinen neutralen Felsen, auf dem die Gleichheit ruht. Solidarität wird nicht gefunden, sondern erfunden oder gemacht/hergestellt, indem wir das Wir, zu dem wir uns zählen, schrittweise erweitern. Durch sentimentale Erziehung, statt durch Argumente wird unsere Fähigkeit geschult, im Anderen ein leidensfähiges Gegenüber zu sehen. Am Ende gründet sich alles auf die Fähigkeit, in den Anderen leidensfähgige Wesen zu sehen und in dem Grundprinzip: Grausamkeit zu vermeiden.

Jürgen Habermas geht einen anderen Weg und verankert die Gleichheit in der Vernunft selbst, genauer in der Sprache. Wer ernsthaft argumentiert, unterstellt bereits, dass alle Betroffenen als Freie und Gleiche zustimmen könnten. Eine Norm ist nur dann gültig, wenn sie die Zustimmung aller finden könnte, die sie betrifft. Gleichheit ist hier kein äußeres Ideal, sondern eine Voraussetzung jeder ehrlichen Verständigung. Rainer Forst verdichtet dies zum Recht auf Rechtfertigung: Die Grundgleichheit besteht darin, dass jede und jeder eine gleiche Autorität ist, Gründe zu fordern und zu geben.

Reziprozität

Damit rückt die Reziprozität ins Zentrum, sowohl als Wert wie als Grund der Gleichheit. Reziprozität heißt, dass ich für mich keine Rechte beanspruche, die ich anderen verweigere, und dass ich meine Gründe nicht einseitig zu meinem Vorteil zuschneide. Forsts Kriterien der Gegenseitigkeit und Allgemeinheit machen diese Idee streng: Gerecht ist, was sich allen mit Gründen rechtfertigen lässt, die niemand vernünftigerweise zurückweisen kann. Gleichheit ist so weniger ein Verteilungsschema als eine Beziehung wechselseitiger Anerkennung.

Gleichheit heißt nicht, alle und alles gleich zu machen

Gerade deshalb ist der häufigste Einwand ein Missverständnis: Gleichheit ziele auf graue Uniformität, auf das Einebnen aller Unterschiede. Das Gegenteil ist gemeint. Rahel Jaeggi erinnert mit ihrer Kritik an Lebensformen daran, dass es nicht um die Angleichung der Inhalte geht, sondern um die Bedingungen, unter denen Menschen ihr Leben selbst gestalten können. Eine relationale Gleichheit zielt darauf, Verhältnisse der Herrschaft, der Verdinglichung und der Entfremdung abzubauen, damit Verschiedenheit überhaupt frei gelebt werden kann. Gleichheit als Gleichmacherei wäre ihr eigener Verrat; Gleichheit als Augenhöhe ist ihre Pointe.

So führt Orwells bitterer Satz zurück zur Aufgabe. Die Behauptung, manche seien gleicher, ist kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis von Verhältnissen, die sich rechtfertigen lassen müssen oder eben nicht. Gleichheit ist kein erreichter Zustand, sondern eine fortwährende Praxis des Forderns und Gebens von Gründen, gegen jede Macht, die sich der Rechtfertigung entzieht.

Quellen

  • Rainer Forst: Das Recht auf Rechtfertigung. Elemente einer konstruktivistischen Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2007 (ISBN 978-3-518-29362-1).
  • Englisch: The Right to Justification: Elements of a Constructivist Theory of Justice. Columbia University Press, 2012.
  • siehe auch Habermas' Diskursethik, v. a. der Universalisierungsgrundsatz (U), wonach eine Norm nur gilt, wenn ihr alle Betroffenen als Teilnehmer eines praktischen Diskurses zustimmen könnten. Habermas: Moralbewußtsein und kommunikatives Handeln, Suhrkamp 1983.
  • Richard Rorty: Contingency, Irony, and Solidarity, 1989.