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Macht

Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut. Lord Acton (1887)

Macht ist der unheimlichste Begriff der politischen Sprache, weil sie überall ist und sich doch ungern zeigt. Jeder ahnt, dass sie wirkt, niemand gibt gern zu, sie auszuüben. Ein emanzipatorischer und zugleich kritischer Blick verteufelt die Macht nicht, denn ohne sie geschieht nichts Gemeinsames. Er stellt aber die entscheidende Frage: Wann ist Macht ein gemeinsames Vermögen, und wann verkehrt sie sich in Herrschaft über andere?

Macht und Freiheit

Macht und Freiheit scheinen Gegner zu sein: Wo die eine wächst, schwindet die andere. Doch das stimmt nur für eine bestimmte Form, die Macht über jemanden, die seinen Spielraum einengt bis hin zur Freiheitsberaubung, der Einsperrung, der Fessel. Daneben gibt es die Macht zu, das Vermögen, etwas bewirken zu können. In diesem Sinn ist Macht die Bedingung von Freiheit, nicht ihr Feind. Wer nichts vermag, ist nicht frei, sondern ohnmächtig.

Rainer Forst macht darauf aufmerksam, dass die wirksamste Macht oft im Kopf sitzt. Sie zwingt nicht durch Ketten, sondern lenkt, was Menschen für selbstverständlich, vernünftig oder alternativlos halten. Diese „noumenale" Macht ist dann am stärksten, wenn die Beherrschten ihre eigene Lage gar nicht mehr als Beherrschung erkennen.1 Kritisches Denken beginnt genau hier: bei der Frage, wer eigentlich definiert hat, was als normal gilt.

Macht und Gewalt

Häufig wird Macht mit Gewalt verwechselt, doch Hannah Arendt hat beide scharf getrennt. Macht entsteht, wo Menschen gemeinsam handeln und sich aufeinander verlassen; sie ist ihrem Wesen nach geteilt. Gewalt dagegen ist instrumentell, sie braucht Werkzeuge und tritt gerade dort auf, wo Macht zerfällt.2 Ein Herrscher, der schießen lassen muss, hat seine Macht bereits verloren und ersetzt sie durch Zwang.

Diese Unterscheidung ist emanzipatorisch, weil sie zeigt: Gewalt ist kein Zeichen von Stärke, sondern von schwindender Legitimität. Sie kann zerstören und einschüchtern, aber sie kann nichts gemeinsam Gegründetes hervorbringen. Wo nur noch der Knüppel spricht, ist die Verständigung schon gescheitert.

Geld, Ausbeutung und Macht

Macht trägt nicht immer Uniform, oft trägt sie Anzug. Geld ist eine ihrer leisesten und wirksamsten Formen: Es verschafft Zugang, Zeit, Aufmerksamkeit und die Möglichkeit, andere für die eigenen Zwecke arbeiten zu lassen. Wo Eigentum sich konzentriert, konzentriert sich auch die Macht, über die Bedingungen zu bestimmen, unter denen viele leben müssen.

Ausbeutung ist die Form, in der diese Asymmetrie sich ins Tägliche einnistet. Sie wirkt selten als offener Zwang, sondern als stille Notwendigkeit: Wer auf den Lohn angewiesen ist, willigt scheinbar freiwillig in Verhältnisse ein, die er sich nicht ausgesucht hat. Hier zeigt sich, dass formale Freiheit und reale Abhängigkeit zusammenfallen können. Eine Gesellschaft, die nur die rechtliche Freiheit zählt, übersieht, wie ungleich verteilte Macht den Vertrag von vornherein verzerrt.

Macht über den Körper

Am unmittelbarsten wird Macht am Körper spürbar, in Sexualität und Fortpflanzung. Wer über den Körper anderer verfügt, übt die nackteste Form der Herrschaft aus; die Vergewaltigung ist ihr Extrem. Doch Macht wirkt schon früher und subtiler, in den Normen, die festlegen, welche Körper und welche Begehren als normal gelten. Judith Butler hat gezeigt, dass Geschlecht keine bloße Natur ist, sondern durch wiederholte Normen hervorgebracht wird. Diese Normen geben Halt und üben zugleich Macht aus, weil sie ausgrenzen, was sich ihnen nicht fügt.3 Sexistische und rassistische Herrschaft funktionieren oft so: nicht als einzelner Befehl, sondern als eingespielte Selbstverständlichkeit, die ganze Gruppen auf ihren Platz verweist.

Die Kontrolle der Macht

Wenn Macht unvermeidlich ist, dann ist die entscheidende Frage nicht, sie abzuschaffen, sondern sie zu kontrollieren. Die liberale Tradition antwortet mit Gewaltenteilung: Macht soll Macht begrenzen, damit keine sich verselbständigt. Jürgen Habermas ergänzt diesen institutionellen Gedanken um einen demokratischen. Legitim ist Macht für ihn nur dort, wo sie sich aus zwangloser Verständigung speist, aus der kommunikativen Macht freier Bürgerinnen und Bürger, und nicht aus Geld oder bloßer Verwaltung.4

Damit schließt sich der Kreis zu Forst: Macht ist gerechtfertigt, solange sie sich gegenüber den Betroffenen rechtfertigen lässt und solange diese die Verhältnisse, unter denen sie leben, mitbestimmen und befragen dürfen.5 Emanzipatorisch ist Macht dort, wo sie Menschen befähigt, gemeinsam zu handeln; kritisch bleibt der Blick, solange er fragt, wer hier wessen Leben bestimmt, und ob die Beherrschten je gefragt wurden. Das Zauberwort hier heisst Selbstbestimmung.

Footnotes

  1. Rainer Forst: Normativität und Macht. Zur Analyse sozialer Rechtfertigungsordnungen. Suhrkamp, Berlin 2015, bes. das Kapitel „Noumenale Macht".

  2. Hannah Arendt: Macht und Gewalt. Piper, München 1970 (engl. Original On Violence, 1970).

  3. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1991 (engl. Original Gender Trouble, 1990).

  4. Jürgen Habermas: Faktizität und Geltung. Beiträge zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen Rechtsstaats. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1992, Kap. IV (zur „kommunikativen Macht").

  5. Rainer Forst: Das Recht auf Rechtfertigung. Elemente einer konstruktivistischen Theorie der Gerechtigkeit. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 2007.