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Solidarität

Nach Freiheit und Gleichheit steht die Solidarität als dritter Begriff der revolutionären Trias. sie ist eine Art säkularisierte Erbin der christlichen Fraternité (Brüderlichkeit). Sie ist zugleich der unbestimmteste der drei: Jeder beruft sich auf sie, doch sie meint sehr Verschiedenes, von spontanem Mitgefühl über kühles Eigeninteresse bis zum organisierten Sozialstaat. Ein emanzipatorischer und zugleich kritischer Blick nimmt das Versprechen der Solidarität ernst und stellt zugleich die unbequeme Frage: Wer gehört zu dem Wir, das sich solidarisch nennt, und wer bleibt draußen?. "Wir": ist das Familie, Freunde, meine Region, mein Land, mein Volk, meine Kultur oder wir alle?

Solidarität als Reaktion

Am ursprünglichsten erscheint Solidarität als psychologische Reaktion: als Mitgefühl, als spontanes Einstehen für die, die uns nahe sind. Émile Durkheim hat in De la division du travail social (1893) zwischen einer mechanischen Solidarität der Ähnlichkeit und einer organischen Solidarität der wechselseitigen Abhängigkeit unterschieden. Beide haben eine affektive Wurzel: Wir fühlen uns denen verbunden, die uns gleichen oder mit uns verflochten sind.

Genau hier ist kritisches Denken gefragt. Eine bloß gefühlte Solidarität bevorzugt den Nahbereich, das Vertraute, das Eigene. Sie kann warmherzig sein und doch eng, ja sie kippt leicht in ihr Gegenteil: Wer sich nur mit den Seinen solidarisiert, grenzt die Fremden aus. Die Geschichte kennt genug Solidarität, die nach innen Wärme und nach außen Feindschaft erzeugte. Richard Rorty zieht daraus den richtigen Schluss: Solidarität wird nicht entdeckt, sondern gemacht, und die eigentliche Aufgabe besteht darin, das Wir auszuweiten, bis auch der Fremde als ein leidensfähiges Gegenüber erscheint (Kontingenz, Ironie und Solidarität, 1989).

Solidarität als nützliches Prinzip

Eine zweite Deutung versteht Solidarität nüchtern als nützliches Prinzip: als Versicherung gegen das Risiko, als Kooperation zum wechselseitigen Vorteil. Der Sozialstaat ist die institutionelle Gestalt dieses Gedankens. Niemand weiß im Voraus, ob er einmal krank, arbeitslos oder alt und bedürftig sein wird; also sichern sich alle gemeinsam ab. Solidarität erscheint hier als kluges Eigeninteresse unter dem Schleier der Ungewissheit.

Diese Lesart hat eine emanzipatorische Pointe, die man nicht gering schätzen sollte: Organisierte Solidarität befreit von der Willkür der Wohltätigkeit. Wer auf Almosen angewiesen ist, bleibt vom Wohlwollen anderer abhängig; wer einen rechtlich verbürgten Anspruch hat, steht auf Augenhöhe. Doch die rein instrumentelle Begründung hat eine Schwäche. Was nur nützt, wird fallen gelassen, sobald es sich nicht mehr rechnet. Eine Solidarität, die ausschließlich auf Kalkül beruht, kündigt die Schwächsten auf, deren Beitrag sich am wenigsten auszahlt. Der moralische Überschuss der Solidarität, das Einstehen auch für den, von dem ich nichts zurückbekomme, lässt sich aus dem Nutzen allein nicht gewinnen.

Solidarität als Antwort auf die Gleichheitsfrage

Damit verbindet sich Solidarität mit der Gleichheitsfrage. Jürgen Habermas hat in seinem Aufsatz Gerechtigkeit und Solidarität (in: Erläuterungen zur Diskursethik, 1991) beide als zwei Seiten einer Medaille beschrieben. Gerechtigkeit verlangt den gleichen Respekt für jede einzelne Person als unverwechselbares Individuum; Solidarität verlangt die Sorge um das Wohl des Anderen als Mitglied einer geteilten Lebensform. Beide entspringen derselben Wurzel, der wechselseitigen Anerkennung in der Verständigung. Wer einander als Gleiche im Diskurs anerkennt, schuldet einander nicht nur Gerechtigkeit, sondern auch Solidarität.

Daraus folgt eine doppelte Kritik. Solidarität ohne Gerechtigkeit verkommt zur paternalistischen Fürsorge, die den Empfänger entmündigt und ihn in Dankbarkeit hält. Gerechtigkeit ohne Solidarität erstarrt zum kalten Formalismus, der Rechte verwaltet, aber niemanden mehr berührt. Erst zusammen tragen sie: Die Gleichheit gibt der Solidarität ihr Maß, damit sie nicht in Mitleid von oben herab abgleitet; die Solidarität gibt der Gleichheit ihre Wärme, damit sie nicht zur bloßen Buchhaltung von Ansprüchen wird.

So zeigt sich Solidarität als das, was sie immer schon sein sollte: weder bloßes Gefühl noch bloßes Geschäft, sondern eine Praxis der Erweiterung. Sie beginnt bei der Reaktion auf das nahe Leid, nimmt Gestalt an in dauerhaften Institutionen und findet ihr Maß in der Anerkennung aller als Gleiche. Emanzipatorisch ist sie dort, wo sie Abhängigkeit in Anerkennung verwandelt, und kritisch bleibt sie, solange sie sich fragt, wessen Stimme im solidarischen Wir noch fehlt.