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Erdwärme

Unter unseren Füßen glüht ein Ofen, der seit Milliarden Jahren brennt. Erdwärme ist die einzige große Energiequelle, die nichts mit der Sonne zu tun hat.

Fast alles, was uns wärmt, kommt letztlich von der Sonne: Wind, Wasser, Pflanzen, Kohle. Die Erdwärme ist eine der wenigen Ausnahmen. Sie stammt aus dem Inneren unseres Planeten, teils aus der Restwärme seiner glühenden Entstehung, teils aus dem Zerfall radioaktiver Stoffe tief im Gestein. Diese Wärme ist gewaltig und für menschliche Maßstäbe unerschöpflich, sie wartet nur darauf, klug angezapft zu werden.

Ein bisschen Geschichte

Wo die Erdwärme von selbst an die Oberfläche kommt, nutzt der Mensch sie seit jeher: Die Römer badeten in heißen Quellen, und in Island heizt man seit Jahrhunderten mit dem, was aus dem Boden dampft. Strom aus Erdwärme ist jünger: 1904 erzeugte man im italienischen Larderello erstmals elektrischen Strom aus heißem Erddampf, und das Kraftwerk dort läuft im Prinzip bis heute. Länder auf vulkanisch aktivem Boden wie Island, Kenia oder die Philippinen decken inzwischen einen erheblichen Teil ihres Bedarfs geothermisch.1

Wie es funktioniert: zwei sehr verschiedene Tiefen

Erdwärme wird auf zwei grundverschiedene Arten genutzt, und man verwechselt sie leicht.

Oberflächennah, in fünf bis rund hundert Metern Tiefe, ist der Boden das ganze Jahr über konstant etwa 10 bis 15 Grad warm, im Winter wärmer als die Luft, im Sommer kühler. Das nutzt die Wärmepumpe: Sie holt sich diese milde Erdwärme und „pumpt" sie mit etwas Strom auf Heiztemperatur, im Sommer läuft das Spiel umgekehrt zum Kühlen. Das ist keine glühende Tiefe, sondern schlicht ein sehr gleichmäßiger Temperaturspeicher, und genau deshalb funktioniert es unter fast jedem Haus.

Tiefengeothermie dagegen geht Hunderte bis Tausende Meter hinab, dorthin, wo das Gestein wirklich heiß ist. Grob gilt: Pro hundert Meter Tiefe steigt die Temperatur um etwa 3 Grad, im Erdkern werden es mehrere Tausend Grad. In einigen Kilometern Tiefe ist das Wasser heiß genug, um damit ganze Stadtviertel zu heizen oder sogar Turbinen für Strom anzutreiben.

Heute

Die oberflächennahe Erdwärme über Wärmepumpen erlebt gerade einen Boom, weil sie eine der saubersten Arten ist, Gebäude ohne Öl und Gas zu heizen. Die Tiefengeothermie dagegen steckt in Deutschland noch in den Anfängen: Es gibt einzelne erfolgreiche Anlagen, etwa im Münchner Raum, aber der große Durchbruch lässt auf sich warten. Der Grund ist einfach: Tief bohren ist teuer und riskant.

Vorteile

Erdwärme hat einen unschlagbaren Vorzug gegenüber Sonne und Wind: Sie ist immer da. Sie kennt weder Nacht noch Flaute noch Jahreszeit, sondern liefert rund um die Uhr gleichmäßig, was sie zur idealen Grundlast macht. Sie braucht kaum Fläche an der Oberfläche, verursacht im Betrieb fast kein CO₂ und ist praktisch unerschöpflich.

Nachteile

Der große Haken ist das Geld. Eine Tiefenbohrung kostet Millionen, und niemand weiß mit letzter Sicherheit, ob unten wirklich genug heißes Wasser fließt, bis er gebohrt hat. Dieses Fündigkeitsrisiko schreckt Investoren ab. Dazu kommt: Presst man Wasser in tiefe Gesteinsschichten, kann das kleine Erdbeben auslösen. In Basel und im südkoreanischen Pohang führten Geothermieprojekte zu spürbaren Beben und mussten gestoppt werden, ein Vertrauensschaden, der bis heute nachwirkt.

Der kritische Blick

Erdwärme ist ein lehrreicher Fall, weil sie zeigt, wie sehr die Nutzbarkeit einer Energiequelle vom Ort abhängt. In Island, wo die Hitze fast an der Oberfläche liegt, ist sie ein Segen; im flachen Norddeutschland muss man dafür kilometertief bohren. „Unerschöpflich" heißt eben nicht überall „lohnend".

Wer selbstbestimmt urteilen will, hütet sich hier vor zwei Übertreibungen. Die einen preisen Geothermie als Wunderlösung, die alle Probleme auf einen Schlag löst, und verschweigen Kosten und Risiken. Die anderen verteufeln sie pauschal wegen einzelner Beben. Die nüchterne Wahrheit liegt dazwischen: Die milde Erdwärme unter dem Haus ist heute schon eine der klügsten Heizungen überhaupt, während die tiefe, heiße Variante ein vielversprechendes, aber noch teures und ortsabhängiges Versprechen bleibt. Die Frage ist nicht, ob die Wärme da ist, sondern ob es sich am jeweiligen Ort lohnt, sie zu holen.

Footnotes

  1. Grundlagen und Daten zur Geothermie beim Umweltbundesamt – Erneuerbare Energien und beim Fraunhofer ISE. Weltweite Einordnung bei Our World in Data – Energy.