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Menschenenergie

Bevor Maschinen die Arbeit übernahmen, war der Mensch selbst der Motor. Wer das versteht, sieht Energie plötzlich mit anderen Augen.

Wir reden über Kraftwerke, Öl und Strom, als käme Energie immer von außen, aus Leitungen und Tanks. Dabei sind wir selbst ein Energiespeicher, der Tag und Nacht arbeitet. Jeder Mensch ist eine kleine, erstaunlich sparsame Kraftmaschine, und ein Blick auf ihre Leistung entlarvt eine Selbstverständlichkeit, die wir längst vergessen haben.

Der Mensch als Motor

Physikalisch gesehen verrichten wir dauernd Arbeit: Wir heben, tragen, gehen, treten in die Pedale. Die Energie dafür kommt aus der Nahrung. Was wir essen, ist chemisch gebundene Energie, die unser Körper in Bewegung und Wärme umwandelt, ganz ähnlich wie ein Motor Benzin verbrennt. Nur läuft dieser Motor nie ganz aus, solange wir leben: Selbst im Schlaf hält er Herz, Atmung und Körperwärme in Gang.

Wie stark ist dieser Motor? Ein Mensch, der sich anstrengt, bringt dauerhaft nur etwa 100 Watt an nutzbarer Muskelleistung auf, gerade so viel wie eine alte Glühbirne. Für kurze Sprints schafft ein trainierter Radprofi vielleicht 300 bis 400 Watt, aber nicht lange. Das klingt bescheiden, und genau das ist der Punkt.

Rechnen wir es einmal durch

Ein Tag hat rund um die Uhr Zeit für Arbeit, doch niemand kann acht Stunden am Stück volle Kraft geben. Nehmen wir realistisch an, ein kräftiger Mensch leistet einen Arbeitstag lang im Schnitt 75 Watt. Das ergibt über acht Stunden etwa 0,6 Kilowattstunden, also eine gute halbe Kilowattstunde harter körperlicher Arbeit.

Was kostet diese halbe Kilowattstunde an der Steckdose? In Deutschland grob 15 bis 20 Cent.1 Ein ganzer Tag menschlicher Muskelkraft ist also für ein paar Cent Strom zu haben. Umgekehrt betrachtet: Ein Liter Benzin steckt so viel Energie, dass ein Mensch wochenlang dafür schuften müsste. Kein Wunder, dass wir die Handarbeit so gern an Maschinen abgeben.

Die unsichtbaren Helfer

Genau daraus entsteht ein aufschlussreicher Vergleich. Ein Mensch in einem reichen Land beansprucht rund um die Uhr das Sechzigfache dessen, was er selbst leisten könnte.2 Anschaulich gesagt: Hinter jedem von uns schuften unsichtbar Dutzende „Energiesklaven", nie ermüdende Maschinen, Motoren und Kraftwerke, die uns die Arbeit abnehmen, für die früher ganze Menschengruppen nötig waren.

Das ist ein enormes Privileg, und es lohnt sich, es bewusst wahrzunehmen. Wer einmal von Hand Wasser aus dem Brunnen gepumpt, Getreide gemahlen oder Wäsche geschrubbt hat, spürt körperlich, wie viel Arbeit in einem einzigen Knopfdruck steckt. Das macht nicht klein, sondern hellhörig: Es zeigt, worauf unser Alltag tatsächlich ruht.

Alles kommt von der Sonne

Woher stammt die Energie in unseren Muskeln? Aus der Nahrung, und die wiederum aus der Sonne. Pflanzen fangen Sonnenlicht ein und bauen daraus Zucker und Stärke. Ob wir das Gemüse direkt essen oder das Tier, das die Pflanze gefressen hat: Am Anfang steht immer das Sonnenlicht. Wenn wir eine Kiste die Treppe hochtragen, bewegen wir sie mit Energie, die vor Wochen als Licht auf ein Feld fiel.

So gesehen ist der Mensch keine Ausnahme im großen Kreislauf, sondern ein Teil davon. Dieselbe Sonne, die den Wind treibt und das Wasser in die Flüsse hebt, steckt auch in unserem Frühstück.

Warum das mehr ist als Physik

Der Blick auf die eigene Energie hat eine emanzipatorische Pointe. Er relativiert das Selbstbild vom übermächtigen Menschen, der die Natur einfach beherrscht: In Wahrheit sind wir schwache Motoren, die sich mächtige Werkzeuge geliehen haben. Diese Werkzeuge kosten Energie, und diese Energie kostet Geld, hinterlässt Spuren und schafft Abhängigkeiten.

Wer weiß, wie wenig der eigene Körper leistet und wie viel fremde Energie im Alltag steckt, urteilt anders. Er durchschaut leichter, warum billige Energie so verführerisch ist, warum ihr Preis oft nicht die ganze Wahrheit erzählt und warum es kein Zeichen von Rückschritt ist, Kraft bewusster einzusetzen. Am eigenen Leib zu begreifen, was eine Kilowattstunde bedeutet, ist vielleicht die beste Schule für ein kritisches Nachdenken über Energie.

Footnotes

  1. Aktuelle Strompreise für Haushalte dokumentiert u. a. das Statistische Bundesamt sowie das Umweltbundesamt – Erneuerbare Energien.

  2. „2000-Watt-Gesellschaft", in: Wikipedia, de.wikipedia.org/wiki/2000-Watt-Gesellschaft. Vergleichszahlen zum Energieverbrauch pro Kopf u. a. bei Our World in Data – Energy.