Wasserenergie
Wasser fließt immer bergab, und auf diesem Weg gibt es Energie ab. Der Trick besteht darin, sie einzufangen, bevor sie im Meer verschwindet.
Wasserkraft ist die zuverlässigste unter den erneuerbaren Energien und zugleich die älteste, die uns bis heute Strom liefert. Auch sie ist im Kern verkleidete Sonnenenergie: Die Sonne verdunstet Wasser aus Meeren und Seen, es steigt als Wolke auf und regnet über den Bergen ab. Von dort fließt es zurück ins Tal, und genau in diesem Gefälle steckt die Energie, die wir nutzen.
Ein bisschen Geschichte
Schon die Römer ließen Wasserräder Mühlen und Sägen antreiben. Über das Mittelalter hinweg war das Wasserrad an jedem Bach die Kraftmaschine schlechthin: Es mahlte Getreide, hämmerte Eisen und trieb Blasebälge. Als im 19. Jahrhundert der elektrische Generator erfunden wurde, lag es nahe, ihn ans Wasser zu hängen. 1878 erhellte in England das erste kleine Wasserkraftwerk ein Landhaus, und bald darauf entstanden die großen Talsperren, die ganze Regionen mit Strom versorgten.1
Wie es funktioniert und welche Formen es gibt
Das Prinzip ist immer dasselbe: Strömendes oder fallendes Wasser dreht eine Turbine, die einen Generator antreibt. Je größer die Fallhöhe und je mehr Wasser, desto mehr Leistung.
In der Praxis gibt es mehrere Formen. Laufwasserkraftwerke liegen im Fluss und nutzen die stete Strömung, sie liefern rund um die Uhr gleichmäßig Strom. Speicherkraftwerke stauen einen See hinter einer Talsperre und lassen das Wasser bei Bedarf durch die Turbinen schießen, das macht sie flexibel steuerbar. Dazu kommen die Gezeitenkraftwerke an der Küste, doch deren Energie stammt vom Mond, nicht von der Sonne, und gehört darum ins eigene Kapitel.
Wasser als Batterie: der Pumpspeicher
Eine besonders clevere Nutzung ist der Pumpspeicher. Er erzeugt nicht in erster Linie Energie, er speichert sie. Ist zu viel Strom im Netz, etwa mittags bei praller Sonne, pumpt die Anlage Wasser in ein höher gelegenes Becken. Wird später Strom knapp, lässt man es wieder hinunter durch die Turbinen. So verwandelt sich überschüssiger Strom in gestaute Höhe und zurück, mit erstaunlich geringem Verlust.
Das macht Pumpspeicher zu einer der wichtigsten Antworten auf das große Problem der Sonne und des Windes: Sie speichern die Energie für die Stunden, in denen es dunkel ist oder windstill. Bislang sind sie die mit Abstand größten Stromspeicher, die wir haben, weit größer als jede Batterie.
Vorteile
Wasserkraft ist verlässlich, langlebig und im Betrieb frei von CO₂. Ein gut gebautes Wasserkraftwerk läuft über hundert Jahre. Anders als Sonne und Wind lässt sie sich planen und steuern: Der Stausee ist ein gefüllter Energievorrat, den man öffnet, wenn man ihn braucht. In Ländern wie Norwegen oder Österreich trägt sie den größten Teil der Stromversorgung.
Nachteile
Der Preis dafür ist oft ein tiefer Eingriff in die Natur. Eine große Talsperre flutet ganze Täler, vertreibt Menschen aus ihren Dörfern und zerschneidet den Fluss, sodass Fische nicht mehr wandern und fruchtbarer Schlamm nicht mehr ins Unterland gelangt. Der chinesische Drei-Schluchten-Damm etwa zwang über eine Million Menschen zum Umzug. Solche Projekte zeigen: „Erneuerbar" heißt nicht automatisch „harmlos".
Dazu kommt eine schlichte Grenze: Die guten Standorte sind in vielen Ländern längst verbaut. Man kann nicht beliebig neue Flüsse und Berge erschaffen, und der Klimawandel lässt manche Flüsse im Sommer zunehmend austrocknen.
Der kritische Blick
Wasserkraft ist ein Musterfall dafür, dass es die eine saubere Energie nicht gibt. Ein kleines Laufwasserkraftwerk, das einen Fluss respektiert, ist etwas ganz anderes als ein Megastaudamm, der ein Ökosystem und die Heimat Tausender opfert. Beide firmieren unter demselben grünen Etikett.
Wer genau hinschaut, fragt deshalb nach dem konkreten Fall: Was wird hier überflutet, und wer wird gefragt? Auffällig oft tragen die Lasten solcher Großprojekte die Ärmsten und Machtlosesten, während der Strom in ferne Städte und Fabriken fließt. Energie und Gerechtigkeit hängen auch hier zusammen. Das Wasser fließt von selbst zu Tal; wer davon profitiert und wer dafür weichen muss, ist dagegen eine höchst menschliche Entscheidung.