Mondenergie
„Mondenergie" klingt nach Esoterik, ist aber handfeste Physik. Der Mond bewegt jeden Tag Wassermassen, gegen die jedes Kraftwerk winzig wirkt.
Nicht gleich lachen: Es gibt tatsächlich eine Energiequelle, die auf den Mond zurückgeht. Alle Gezeiten, also das tägliche Steigen und Fallen des Meeres, und ein großer Teil der Meeresströmungen entstehen durch die Anziehungskraft des Mondes (und, kleiner, der Sonne) auf die Wassermassen der Erde. Damit ist die Gezeitenenergie neben der Erdwärme die zweite große Quelle, die nicht aus dem Sonnenlicht stammt, sondern aus der Schwerkraft im Weltall.
Wie der Mond das Meer bewegt
Der Mond zieht an der Erde, und weil Wasser beweglicher ist als Fels, wölbt es sich ihm entgegen. So entsteht auf der mondzugewandten Seite ein Flutberg, auf der abgewandten ein zweiter. Während sich die Erde dreht, wandern diese Berge um den Globus: Zweimal am Tag steigt und fällt an den Küsten das Wasser. Den Höhenunterschied nennt man Tidenhub. In manchen Buchten türmt er sich extrem auf; in der kanadischen Bay of Fundy sind es über zehn Meter. Genau dieser regelmäßige Auf- und Abstieg lässt sich als Energie einfangen.
Ein bisschen Geschichte
Die Idee ist uralt. Schon im Mittelalter mahlten an europäischen Küsten Gezeitenmühlen Getreide: Man ließ die Flut in ein Becken laufen, sperrte es ab und nutzte bei Ebbe das ausströmende Wasser. Das erste große moderne Gezeitenkraftwerk entstand 1966 an der Rance-Mündung in Frankreich und läuft bis heute zuverlässig.1 Es zeigt, dass die Technik funktioniert, doch Nachahmer fand es überraschend wenige.
Wie es heute genutzt wird
Man unterscheidet zwei Wege. Gezeitenkraftwerke arbeiten wie ein Wasserkraftwerk: Ein Damm staut die Flut, und das ein- und ausströmende Wasser treibt Turbinen. Strömungsturbinen dagegen stehen frei im Meer und drehen sich in der Gezeitenströmung, ähnlich wie Windräder unter Wasser, ohne einen Fluss aufzustauen.
Trotz jahrzehntelanger Versuche spielt die Gezeitenenergie weltweit bislang nur eine winzige Rolle. Sie bleibt eine Randnotiz im großen Energiemix, und es lohnt zu fragen, warum eine so verlässliche Quelle so wenig genutzt wird.
Vorteile
Der große Vorzug: Die Gezeiten sind absolut vorhersehbar. Anders als bei Sonne und Wind kann man auf die Minute genau berechnen, wann in hundert Jahren die Flut kommt, denn der Mond hält sich an keine Wetterlaune. Das macht Gezeitenstrom planbar wie kaum eine andere erneuerbare Energie. Zudem ist die Energiemenge im Meer gewaltig und im Betrieb CO₂-frei.
Nachteile
Warum also nutzt sie kaum jemand? Erstens gibt es nur wenige geeignete Orte: Man braucht Küsten mit sehr hohem Tidenhub, und davon existieren weltweit nur eine Handvoll. Zweitens ist die Technik teuer und der Bau eines Küstendamms ein schwerer Eingriff ins Ökosystem, der Wattflächen, Fische und Vögel bedroht. Drittens ist Salzwasser ein zerstörerischer Gegner: Es frisst an Turbinen und Verankerungen, und Reparaturen unter Wasser sind aufwendig. So bleibt die Gezeitenenergie oft schlicht zu kostspielig, gemessen an dem, was sie liefert.
Der kritische Blick
Die Mond- oder Gezeitenenergie ist ein schönes Lehrstück über den Unterschied zwischen möglich und sinnvoll. Physikalisch ist die Sache glasklar und die Energiemenge riesig. Und doch scheitert sie meist an Kosten, Standorten und Naturschutz. Nicht jede beeindruckende Naturkraft ergibt eine kluge Energiequelle.
Genau darin liegt der emanzipatorische Wert dieses Kapitels. Wer versteht, dass eine Quelle „unerschöpflich" und trotzdem unpraktisch sein kann, durchschaut leichter die großen Versprechen, mit denen in Energiedebatten hantiert wird. Die entscheidende Frage lautet nie nur „Ist genug Energie da?", sondern immer auch „Was kostet es, sie zu holen, und wer zahlt den Preis dafür?" Der Mond schickt seine Kraft ohnehin, ob wir sie nutzen oder nicht. Ob sich das lohnt, verrät uns keine Naturkraft, sondern nur ein nüchterner Blick auf die Rechnung.