Erneuerbare Energien
Die Sonne schickt keine Rechnung. Der Streit dreht sich darum, wer die Leitungen, Speicher und Gewinne dazwischen kontrolliert.
Erneuerbare Energien sind Quellen, die sich von selbst erneuern, solange die Sonne scheint und die Erde sich dreht. Anders als Kohle, Öl oder Uran gehen sie nicht zur Neige: Der Wind weht morgen wieder, der Fluss fließt weiter, die Sonne kommt jeden Tag zurück. Genau das macht sie so interessant, und zugleich so unbequem für alle, deren Geschäft auf knappen, verkäuflichen Brennstoffen beruht.
Was zählt als erneuerbar?
Zu den erneuerbaren Energien gehören die Sonne (als Solarstrom und als Wärme), der Wind an Land und auf See, die Wasserkraft aus fließenden und gestauten Gewässern, die Biomasse (Holz, Pflanzenreste, Biogas) und die Erdwärme aus dem heißen Erdinneren. Fast alle davon sind, wie im vorigen Kapitel gezeigt, letztlich verwandelte Sonnenenergie. Das Kennzeichen ist immer dasselbe: Wir nutzen einen laufenden Strom, statt ein endliches Lager zu plündern.
Der Trick mit den Prozentzahlen
Wenn in den Nachrichten steht, erneuerbare Energien deckten „über die Hälfte", lohnt eine kritische Nachfrage: die Hälfte wovon? Fast immer ist damit der Strom gemeint. Strom ist aber nur ein Teil unseres Energiehungers. Dazu kommen Wärme (Heizung, Warmwasser, Industrie) und Verkehr, und dort sind die erneuerbaren Anteile bis heute deutlich kleiner.1 Wer Strom und Gesamtenergie verwechselt, hält uns entweder für weiter, als wir sind, oder redet die Fortschritte klein. Beim genauen Hinsehen trennen sich Werbung und Wirklichkeit.
Wo stehen wir?
Deutschland deckt inzwischen mehr als die Hälfte seines Stroms aus erneuerbaren Quellen, vor allem aus Wind und Sonne.1 Rechnet man Wärme und Verkehr hinzu, sinkt der Anteil am gesamten Energieverbrauch auf grob ein Fünftel. Frankreich setzt traditionell stark auf Atomkraft und hat deshalb einen niedrigen CO₂-Ausstoß im Strom, aber einen vergleichsweise kleineren Ausbau bei Wind und Solar. In der Europäischen Union stammt knapp ein Viertel der gesamten Endenergie aus Erneuerbaren, mit großen Unterschieden zwischen den Ländern. Großbritannien hat vor allem die Offshore-Windkraft in der Nordsee kräftig ausgebaut, während die USA trotz gewaltigem Zubau bei Solar und Wind wegen ihres hohen Gesamtverbrauchs anteilig hinterherhinken.2 Kurz: Bewegung überall, aber kein Land ist am Ziel.
Was ist am erfolgversprechendsten?
Die ehrlichste Antwort liefert der Preis. Sonne (Photovoltaik) und Wind sind in den letzten fünfzehn Jahren so billig geworden, dass sie heute meist die günstigste Art sind, neuen Strom zu erzeugen, günstiger als neue Kohle- oder Atomkraftwerke.2 Beide lassen sich schnell aufstellen und beliebig vom kleinen Hausdach bis zum riesigen Windpark skalieren. Wasserkraft ist stark, aber weitgehend ausgebaut; Biomasse und Erdwärme spielen eher ergänzende Rollen.
Die eigentliche Herausforderung ist nicht die Erzeugung, sondern der Rhythmus: Sonne und Wind liefern nicht auf Bestellung. Die Zukunft entscheidet sich deshalb bei Speichern (Batterien, Wasserstoff, Pumpspeicher), bei klugen Stromnetzen und daran, Verbrauch und Erzeugung besser aufeinander abzustimmen. Wer das löst, gewinnt, und hier entstehen gerade neue Abhängigkeiten und Machtfragen: Wem gehören die Netze, die Speicher, die Dächer?
Reicht das ohne Sparen?
Damit zur unbequemsten Frage: Können wir unseren heutigen Energiebedarf in Europa in absehbarer Zeit vollständig erneuerbar decken, ohne zu sparen? Technisch ist ein Umbau möglich, aber je höher der Verbrauch bleibt, desto mehr Fläche, Rohstoffe, Speicher und Leitungen braucht es, und desto teurer und langsamer wird der Übergang. Deshalb sind Effizienz (dasselbe mit weniger Energie) und Suffizienz (manches schlicht bewusster und weniger) keine Spielverderber, sondern die stärksten Verbündeten der Erneuerbaren. Wie im vorigen Kapitel gezeigt: Mehr Lebensqualität ist mit weniger Energieverbrauch gut vereinbar. Jede eingesparte Kilowattstunde muss gar nicht erst erzeugt werden.
Die Erzählung, wir könnten einfach immer mehr verbrauchen und alles über neue Technik lösen, ist bequem, aber sie verschiebt die Verantwortung. Emanzipatorisch ist der umgekehrte Blick: Wir gestalten selbst, wie viel wir wofür brauchen. Die Sonne schickt keine Rechnung, aber ob ihre Energie allen zugutekommt oder wenigen, das ist keine physikalische, sondern eine politische Frage.
Was kostet die Kilowattstunde?
Zahlen sagen mehr als Meinungen. Die folgende Tabelle zeigt grobe Gestehungskosten für neue Anlagen, also was eine erzeugte Kilowattstunde (kWh) ungefähr kostet, wenn man Bau, Betrieb und Finanzierung über die Lebensdauer (hier vereinfacht rund 20 Jahre) umlegt. Die Werte sind Faustzahlen in Cent pro kWh und schwanken je nach Standort, Größe, Zinsen und Wetter stark.3
| Energieform | Strom oder Wärme | ≈ Kosten (ct/kWh) | Bemerkung |
|---|---|---|---|
| Solarstrom, Freifläche | Strom | 4–7 | derzeit oft die günstigste Stromquelle |
| Solarstrom, Hausdach | Strom | 7–12 | kleiner, dafür Strom direkt vor Ort |
| Solarwärme (Solarthermie) | Wärme | 6–12 | für Warmwasser und Heizungsunterstützung |
| Windkraft an Land (Onshore) | Strom | 4–9 | stark vom Standort abhängig |
| Windkraft auf See (Offshore) | Strom | 7–12 | viel Ertrag, aber teurer Bau |
| Wasserkraft | Strom | 5–15 | Bestand sehr billig, Neubau teuer |
| Biomasse / Biogas | Strom | 10–20 | planbar steuerbar, aber teuer und begrenzt |
| Erdwärme, oberflächennah (Wärmepumpe) | Wärme | 8–15 | hängt am Strompreis der Pumpe |
| Erdwärme, tief (Tiefengeothermie) | Wärme | 4–10 | hohe Anfangskosten, Bohrrisiko |
| Erdwärme, tief (Stromerzeugung) | Strom | 15–30 | nur an günstigen Standorten wirtschaftlich |
Drei Dinge sollte man beim Lesen im Kopf behalten. Erstens: Strom und Wärme lassen sich nicht direkt vergleichen, es sind verschiedene Produkte, auch wenn beide in Cent pro kWh stehen. Zweitens: Diese Kosten sagen nichts über den Rhythmus aus. Solar- und Windstrom sind billig, aber nicht immer verfügbar; Speicher und Netze kosten extra und stehen in der Tabelle nicht. Drittens: Bestehende, längst abbezahlte Anlagen (etwa alte Wasserkraftwerke) produzieren oft für wenige Cent, während der Neubau derselben Technik teurer ausfällt.
Zum Einordnen: Neue Kohle- oder Gaskraftwerke liegen je nach Brennstoffpreis grob bei 10 bis 20 ct/kWh, neue Atomkraftwerke eher darüber. Der Vergleich zeigt, warum Wind und Sonne den Ausbau anführen: Sie sind schlicht am billigsten geworden. Wer künftig über Energie streitet, sollte solche Zahlen kennen, denn sie entlarven, ob ein Argument auf Fakten beruht oder nur auf Gewohnheit und Interessen.