Naturalistischer Fehlschluss
Aus dem, was natürlich oder der Fall ist, wird geschlossen, was sein soll.
Aus dem Sein folgt kein Sollen.
Definition
Der naturalistische Fehlschluss schliesst von einer Tatsache (was ist oder was natürlich ist) unmittelbar auf eine Norm (was sein soll oder gut ist). Aus einer Beschreibung der Welt wird eine Wertung abgeleitet, ohne dass ein wertender Zwischenschritt begründet wird.
Hintergrund: Schon David Hume stellte fest, dass sich aus reinen Ist-Sätzen kein Soll-Satz ableiten lässt (das Sein-Sollen-Problem). Eng verwandt ist der Appell an die Natur: „natürlich“ gelte als „gut“, „unnatürlich“ als „schlecht“. (Streng genommen meinte G. E. Moore mit „naturalistic fallacy“ etwas Engeres — die Gleichsetzung von „gut“ mit einer natürlichen Eigenschaft; im Alltag werden beide Lesarten oft zusammengefasst.)
Der Fehlschluss hat die folgende Form:
- In der Natur ist X der Fall (X ist „natürlich“).
- Also ist X gut / richtig / geboten.
EN: naturalistic fallacy / appeal to nature / is-ought fallacy
Verwandtschaft
- Argumentum ad Antiquitatem — verwandt: von „so ist es üblich/seit jeher“ auf „so soll es sein“.
- Teleologischer Irrtum — verwandt: aus einem unterstellten Naturzweck wird ein Sollen abgeleitet.
- Moralistischer Fehlschluss — das Gegenstück: aus „soll nicht sein“ auf „ist nicht der Fall“.
Beispiele
Beispiel 1
„In der Natur setzt sich der Stärkere durch — also ist rücksichtsloser Wettbewerb richtig.“
Dass etwas in der Natur vorkommt, macht es nicht moralisch geboten. Der Schluss vom Sein aufs Sollen ist nicht gedeckt.
Beispiel 2
„Dieses Heilmittel ist rein natürlich, also ist es gut und unbedenklich.“
„Natürlich“ ist kein Gütesiegel — auch Tollkirsche und Schlangengift sind natürlich. Natürlichkeit begründet keinen Wert.