Haufen-Paradox (Sorites)
Aus der Unschärfe eines Begriffs wird gefolgert, dass es ihn gar nicht gibt — oder dass jede Grenze willkürlich sei.
Wann wird aus Körnern ein Haufen?
Definition
Das Haufen-Paradox (sorites, von griech. sorós „Haufen“) entsteht bei vagen Begriffen ohne scharfe Grenze: Ein einzelnes Sandkorn ist kein Haufen; ein Korn mehr macht (jeweils) keinen Unterschied — also wäre auch eine Million Körner kein Haufen. Umgekehrt lässt sich „beweisen“, dass schon ein Korn ein Haufen sei.
Der Fehler liegt im Kontinuum-Fehlschluss: Aus der Tatsache, dass es keine scharfe Grenze gibt, wird falsch gefolgert, dass es gar keinen Unterschied gebe (zwischen Haufen und Nicht-Haufen, kahl und behaart, jung und alt). Die fehlende exakte Grenze hebt die klaren Fälle nicht auf.
Der Fehlschluss hat die folgende Form:
- Ein einzelnes X macht keinen Unterschied (kein Haufen / nicht kahl …).
- Jeder weitere Schritt macht ebenfalls keinen Unterschied.
- Also gibt es nie einen Unterschied (keinen Haufen / keine Kahlheit).
EN: sorites paradox / continuum fallacy
Verwandtschaft
- Falsche Dichotomie — das Gegenstück: dort wird ein Kontinuum zu Unrecht zweigeteilt, hier die Existenz von Stufen geleugnet.
- Fehlschluss der relativen Geringfügigkeit — verwandt: jeder kleine Schritt „zählt nicht“.
Beispiele
Beispiel 1
„Ein Haar zu verlieren macht niemanden kahl. Also wird man durch Haarausfall nie kahl.“
Dass kein einzelnes Haar die Grenze markiert, heisst nicht, dass es keine Kahlheit gibt. Der Schluss missbraucht die Unschärfe des Begriffs.
Beispiel 2
„Ein Cent macht niemanden reich. Also macht auch keine noch so grosse Summe jemanden reich.“
Die fehlende exakte Reichtumsgrenze widerlegt nicht, dass es Reiche und Arme gibt.